Telefon-Interview
mit Frank Röder von www.TRIathleten.NET
Interviewer Martin Schmitt am 29.08.2005
(Abschrift von einer Audioaufnahme, gekürzt, von
Martin Schmitt mit seiner freundlichen Genehmigung)
Martin: Hallo Frank, wir kennen uns vom letzten Sommer, als ich einen Workshop bei dir gemacht habe. Frank: Hallo, Martin! Ja, du bist der schnelle Schwimmer, der nur den Workshop I gemacht hat. Martin: Genau, aus Termingründen ging das nicht anders. Ich komme aus Nürnberg, das ist ja nicht gerade um die Ecke. Frank: Wie waren nochmal deine Zeiten? Martin: Auf 1500 bin ich früher in 17:12 gekrault und die 100 in 55,7, aber da gab es bessere. Ich bin
aber auch sehr viel Lagen geschwommen und Delfin, so um die 2:08 auf 200. Frank: Meine Fresse, das sind Zeiten! Da frage ich mich, was du bei mir im Basisworkshop gemacht hast. Martin: Was die anderen auch wollten - Lernen. Ich bin Diplomsportlehrer... Frank: Echt? Martin: Kein Witz! Hatte natürlich Schwimmen als Prüfungsfach. Was ich eigentlich möchte, ist dir ein paar Fragen zu deiner Vorgehensweise beim Unterricht zu stellen. Besonders zu deinem Methoden, die ich als beinahe revolutionär betrachte. Frank: Revolutionär? Na ja. Aber ja, gerne. Nur, was kann ich dir schon erzählen? Martin: Bestimmt viel, du glaubst gar nicht, wie sehr ich von deinem Workshop profitiert habe, als Sportlehrer und Trainer, aber auch als Schwimmer. Frank: Na gut, vielleicht gehe ich etwas anders an das Kraulschwimmen heran als die meisten. Martin: Genau, das ist es. Es wird viel Unsinn erzählt über das Kraulschwimmen, besonders seit es durch Triathlon so im Kommen ist. Du bringst den Leuten Dinge bei, die sonst keiner unterrichtet, die aber wirklich essenziell sind für das Kraulschwimmen. Frank: Das versuche ich schon, aber wenn du eine 17:12 geschwommen bist, hast du auch schon einiges richtig gemacht. Martin: Das bestimmt, aber ich konnte nie genau sagen was. Deswegen konnte ich es auch nur schwer vermitteln. Ich habe mich in den üblichen Einheitsbrei geflüchtet, Gleiten und all das, du beschreibst das Problem ja auch auf deiner Website. Frank: Da trainieren sich momentan immer mehr Schwimmer in die Sackgasse. Martin: Richtig, genau mein Problem. Dabei steht in kaum einem seriösen Lehrbuch etwas drin von diesem Gleitunsinn der beim Kraulen nun wirklich nichts zu suchen hat. Ich habe es aber selbst trotzdem viel zu oft zitiert. Frank: Zitiert? Hältst du Vorträge? Martin: Wie man's nimmt. Manchmal im Verein eine Art Standpauke. Aber ich gebe ja hauptsächlich Unterricht in der Oberstufe und manchmal an der Uni. Egal wo, man formuliert ja oft was man als Trainer gern sehen möchte, so eine Art Wunschdenken, aber das waren nie meine eigenen Formulierungen sondern Zitate, die ich woanders aufgeschnappt habe. Und das bei meiner Ausbildung! Entscheidend ist, dass ich als guter Schwimmer nie eigene Formulierungen gesucht habe, dann wäre ich vielleicht nie in diese Sackgasse geraten. Frank: Das kenne ich. Mir platzt manchmal fast der Kragen, wenn ich völlig unreflektierte Formulierungen im Schwimmunterricht höre. Hintern hoch ist da auch so ein Unsinn. Martin: Mir stinkt das inzwischen auch, die anderen Trainer sagen zu mir schon "der mit seiner neu erfundenen Technik". Frank: Das kenne ich. Aber neu erfunden ist daran nichts. Bestenfalls klarer formuliert, wobei mir das immer noch schwer fällt. Martin: Ich wäre aber nie von selbst darauf gekommen. Und jeder guter Schwimmer, den ich frage, bestätigt mir außerdem, dass beim Kraulschwimmen geglitten wird, sogar wenn ich sehe, dass er instinktiv nach deiner dynamisch-statischen Methode* schwimmt. Jetzt meine Frage: Wie kann es zu diesem Missverständnis kommen? Frank: Es ist eine Sache der Wahrnehmung. Das eigentliche Gleiten gibt es nur beim Brustschwimmen, eine echte Ruhephase, kurz beim Leistungsschwimmer, länger beim Freizeit- und Langstrecken-Brustschwimmer. In dem Moment, wenn man gleitet, strömt Wasser am Körper vorbei. Mit den Händen und den Unterarmen, womit man hauptsächlich die Strömung spürt, wird dann wahrgenommen, dass Wasser vorbeiströmt. Martin: Eigentlich eine wünschenswerte Sache. Frank: Ja, es gibt dabei nur ein Problem. Martin: Und welches? Frank: Man kann nicht ewig gleiten. Denke an das Brustschwimmen. Martin: Man kommt bald zum Stillstand. Frank: Vielleicht nicht ganz, aber man verliert erheblich an Tempo. Der Wunsch dieses Gleiten zu spüren, indem man den Arm beim Kraulen vorn lange gestreckt liegen lässt, wird oft immer größer. Was sich gut, und scheinbar richtig anfühlt, möchte ich natürlich so oft wie möglich wahrnehmen um es noch richtiger zu machen. Martin: Du sagst scheinbar richtig... Frank: Ja, weil es ein Trugschluss ist, ein Selbstbetrug, wenn ich annehme, vorbeiströmendes Wasser bestätigt mir einen korrekten und ökonomischen Schwimmstil. Martin: Bedeutet dies, dass das sprichwörtliche Wassergefühl eine Lüge ist? Frank:Wassergefühl ist auch eins dieser unreflekierten Unwörter. Nein, eine Lüge eigentlich nicht. Jetzt wird es sehr kompliziert. Nicht alles was man im Wasser wahrnimmt, ist das gleiche Wassergefühl von dem die Profis reden. Martin: Nur ganz kurz - ich selbst habe mich ja lange Jahre mit meinem Wassergefühl getäuscht. Frank: Ja, das kommt vor und du warst sogar schon sehr schnell. Nimm an, du wirst durchs Wasser gezogen, passiv ohne eigenen Antrieb. Du fühlst dabei das Wasser, aber es ist nicht das Feedback deiner eigenen Leistung. Martin: Inzwischen formuliere ich das auch im Unterricht deutlich vorsichtiger. Frank: Was ich sagen wollte, ist, dass dieses missverstandene Wassergefühlt einfach nur vorbeiströmendes Wasser bestätigt, nicht aber wie wirtschaftlich die Gesamtbewegung ist. Deswegen bestätigen schnelle Schwimmer, wenn sie gefragt werden auch, dass so etwas wie Gleiten stattfindet. Martin: Logisch, weil sie das Wasser vorbeiströmen fühlen. Frank: Ich nenne manchmal ein etwas krasses Beispiel vom Laufen. Wenn ein Trainer, analog um Gleiten, beim Laufen vom Fliegen sprechen würde, könnte er seinen Schüler sagen: "Ihr müsst beim Laufen fliegen - fliegen, fliegen, fliegen"... Martin: "Gleiten, gleiten, gleiten", das blöde Zitat. Frank: Ja, nur, wie setze ich das beim Laufen um? Ich könnte das Bein vorn lange in der Luft halten, praktisch liegen lassen um zu fliegen, riesige Schritte machen oder hoch in die Luft springen um bei der Rückkehr zur Erde die vorbeiströmende Luft an den Ohren pfeifen zu hören wie nie zuvor. Martin: Das entspricht dem Totliegen beim Kraulen, wovon du so oft sprichst. Frank: Ja, nur, dass dieser Stil beim Laufen sehr schnell wehtun würde und es ebenso schnell einleuchtet, dass man so kein Tempo machen kann. Martin: Aber Wasser trägt doch. Frank: Tut es das? Martin: Ja, ich würde sagen ja. Frank: Das stimmt auch. Holz schwimmt, dicke Menschen auch, aber ein Gleitkörper, wie ein Schwimmer wird hauptsächlich durch sein Schwimmtempo getragen. Martin: Das meine ich ja. Frank: Nur macht man kein Tempo, wenn man vorn irgendwelche Arme ablegt und darauf wartet, dass man, wie von Geisterhand, durchs Wasser gleitet. Da wird nichts passieren, darauf kannst du ewig warten. Martin: Stimmt schon, aber dieses Tempo zu machen ist sehr anstrengend, das halten viele Anfänger nicht lange durch. Frank: Richtig, deswegen habe ich bis 2001/2002 mit Kraulanfängern auch zunächst den Gleitstil geübt. Ich wollte human sein, aber tat ihnen damit keinen Gefallen, weil sie später auf den statisch-dynamischen Stil umzustellen mussten. Deswegen bringe ich jetzt jedem der sich kraulend halbwegs über Wasser halten kann sofort diesen Stil bei. Martin: Wie halten die Einsteiger denn diese Anstrengung aus? Frank: Welche Anstrengung? Der Gesamtenergieaufwand ist spürbar geringer als beim Gleitstil. Wobei das Gleiten immer noch einen erheblichen rhetorischen Vorteil für sich verbuchen kann. Martin (lacht): Ja, es klingt so schön und dabei zählt ja nur der physikalische oder der biomechanische oder der ergonomische Vorteil. Frank: Oh, gut formuliert, den Spruch werde ich mir merken. Martin: Jetzt musst du mal genauer erklären, warum der dynamisch-sttische Kraulstil so viel ökonomischer ist. Das wollen die Mädels und Jungs und auch die Trainer mit denen ich zu tun habe schon sehr detailliert wissen. Warum eigentlich dynamisch-stabil? Frank: Na ja, korrekter sollte man eigentlich statisch-dynamisch heißen, um die Prioritäten besser hervorzuheben. Martin: Die Grundhaltung, von der du auch in deinen Kraul-Workshops redest. Frank: Ja, denn Stabilität geht vor Antrieb. Martin: Diese Idee hat sogar mir persönlich viel gebracht. Frank: Mehr für den Unterricht oder für dein eigenes Training? Martin: Für beides. Als Grundlage im Unterricht lege ich jetzt größten Wert auf die Grundhaltung seit ich am eigenen Leib gespürt habe, was das bringen kann. Frank: Du bist also noch aktiv? Martin: Ja, das heißt, wieder aktiv. Frank: Lass mal hören, welche Zeiten bringst du denn inzwischen wieder? Martin: Ich schwimme fast nur Langstrecke für Triathlon und bin letzten Monat die 1000 m in 11:45 geschwommen. Frank: Das heißt, dass du schon wieder 18er-Zeiten auf 1500 m schwimmst. Martin: Theoretisch ja, wobei ich dazu sagen muss, dass ich letztes Jahr, vor dem Kurs bei dir nur mit Mühe unter 13 Minuten geschwommen bin. Das lag eindeutig an der mangelnden Stabilität. Ich schätze, dass das auch bei mir noch gut 30 Sekunden auf 1000 m gebracht hat. Frank: Das ist viel in diesem Bereich. Und ich dachte ihr Schwimmtalente macht das automatisch richtig. Martin (lacht): So ein Unsinn. Ich habe jahrelang keine technischen Grundlagen trainiert, klar, dass man da noch was rausholen kann. Frank: Und wieviel trainierst du jetzt? Martin: Das ist ein Witz im Vergleich zu früher. Jetzt sind es so 15 km in 4 Einheiten pro Woche. Mir fehlt einfach die Zeit, weil ich jetzt Triathlet bin. Früher bin ich zwischen 28 und 40 km pro Woche geschwommen, im Trainingslager auch mal das Doppelte. Nächsten Herbst gehe ich auf 20 bis 22 km in 5 Einheiten hoch und möchte dann die 17 Minuten auf 1500 m knacken. Frank: Also Bestzeit! In deinem Alter? Martin: Ich bin 32. Das müsste doch gehen. Wie ich gelesen habe, hast du ja selbst deine Langstreckenzeiten noch mit 39 Jahren eingestellt. Frank: Das war ein Experiment, ein Selbstversuch. Wer verzichtet schon freiwillig auf's Gleiten wenn alle davon sprechen? Also musste ich selbst ran. Martin: Ein erfolgreicher Selbstversuch, dabei bist du ja ursprünglich gar kein Schwimmer. Ich kenne einen Trainer, der nicht glaubt, was du da geschafft hast. Frank: Soll er's lassen, ich vertrete ja keine Glaubenslehre. Martin: Was auch einigen sauer aufstößt, ist die sogannnte Timing-Umstellung von der du sprichst. Frank: Ja, kann sein, das widerspricht ja eindeutig der Überzeugung der Gleit-Anhänger. Martin: Wie funktioniert das denn nun, wie kann man das mit wenigen Worten erklären? Frank: Mit wenigen Worten wahrscheinlich gar nicht. Das wäre fast wieder so als würde ich mich hinstellen und sagen "Gleiten, gleiten, gleiten", Sprüchlein aufgesagt und erledigt. Die Timingumstellung läuft oft völlig gegen das Bewegungsbestreben, das fast man automatisch zeigt. Es kann eine erhebliche Zeit dauern, bis man diesen inneren Widerstand überwunden hat. Ich habe ihn bei mir selbst noch nicht ganz überwunden. Diese permanent hohe Konzentration, die häufige Korrektur von außen und das immer wieder unwillkürliche Zurückfallen zum bequemen alten Timing, machen es bei Trainern und Schwimmern ziemlich unbeliebt. Dazu kommt noch, dass man viel erklären muss und wer mag es schon gern kompliziert? Aber die Sache schönzureden bringt auch nichts und wäre Selbstbetrug. Martin: Und was genau wird nun umgestellt? Frank: Dadurch, dass viele beim Kraulen ihren Arm zum Gleiten viel zu lange vorn liegen lassen, geht wertvolle Zeit verloren. Wenn das Wasserfassen nicht rechtzeitig eingeleitet wird, verschiebt man die Arbeit nur auf später und dann muss man kräftemäßig enorm drauflegen. Martin: Das habe ich gemerkt, diese Timingverschiebung macht die Bewegung flüssiger. Die Zugfrequenz steigt aber etwas an, was ja gar nicht so erwünscht ist. Warum fühlt es sich dann so viel leichter an? Frank: Es geht auch leichter. Und wenn du auf deine Zeiten schaust, siehst du auch eine Verbesserung. Die leichte Frequenzerhöhung durch das dynamische Wasserfassen entspricht oft ziemlich exakt der gewonnenen Tempoerhöhung. Martin: Das kann ich bestätigen, ich kann nur nicht genau sagen, warum es funktioniert. Frank: Am Telefon ist das auch schwer zu erklären. Tatsache ist, dass zum einen der effektive Zugweg zunimmt. Martin: Obwohl man sich weniger streckt. Wie denn das? Frank: Wir streichen hier nicht die Zimmerdecke an. Es gibt keinen Bonus für vorbildliches Strecken. Die Platzierung der Antriebsfläche ist erheblich präziser und zielgerichterer, wenn ich früher die Hand, ganz ohne Kraftaufwand, in die richtige Richtung lenke. Das ist eine kraftsparende, aber leider sehr komplizierte Koordinationsarbeit. Martin: Der längere effektive Zugweg erhöht also die Effizienz. Frank: Richtig. Und was dazukommt ist, dass gerade weil ein wenig früher im Zugzyklus effizienter Antrieb erzeugt wird, die Temposchwankung erheblich geringer ausfällt... Martin: Intrazyklische Geschwindigkeitsvariation! Frank: Du warst in Internet, oder? Das wird entweder das Schlagwort oder das Unwort des Jahres. So geschwollen muss man es nun auch nicht ausdrücken, unter Temposchwankung kann sich jeder etwas vorstellen ohne zum Fremdwörterbuch greifen zu müssen. Martin: Manche stehen drauf. Frank (lacht): Wir wissen, beide, wen du meinst und brauchen gar keinen Namen zu nennen. Martin: Deine Erklärung war aber schon gut. Wer sich nicht dauernd von langsam auf schnell hochbeschleunigen muss, spart Energie. Man kennt das ja vom Autofahren. Frank: Autofahren ist ein ganz gutes Beispiel für Erwachsene. Auf der Umgehungsstraße braucht man bei 60 km/h weniger Sprit als bei der Abkürzung durch den Ort mit Stop-and-go-Verkehr. Kindern musst du das vielleicht etwas anders erklären. Martin: Das war schon sehr aufschlussreich. Dann bedanke ich mich für das Interview, denn ich muss heute selbst noch trainieren. Frank: So? Was denn? Martin: Laufen und danach Schwimmtraining mit 12 mal 200 Metern als Schwerpunkt. Frank: Eine echte Killereinheit! Martin: Meine Lieblingseinheit - inzwischen. Frank: Na dann, viel Spaß! Martin: Den werde ich haben. Mach's gut und Danke nochmals! Frank: Bitte, hat mich gefreut. Tschüß Martin.
* Anmerkung: Der Begriff dynamisch-stabil oder stabil-dynamisch, der in manchen Internetforen umhergeistert ist zwar nicht meine Prägung, meint aber möglicherweise das Gleiche. Das herauszufinden wäre aber bei der derzeitigen Forenkultur recht müßig. Wer Fragen dazu hat, kann mich fragen.
Nachtrag: Martin hat seine Bestzeit verbessert. Im Juli 2006 schwamm er, zwar nicht bei einem Wettkampf, aber in Anwesenheit mehrerer Zeugen die Spitzenzeit von 16:46 über 1500 m. Gratulation!